Elternhaus

Die Familie galt als „die kleinste Einheit im Volksganzen, dabei aber die bedeutungsvollste“ (Reichsjugendführer Schirach, 1934). Die Hitlerjugend, deren Dienst viel Zeit beanspruchte, solle auf die Familie Rücksicht nehmen. Die Eltern waren aber teils nicht bereit, als Glied in der nationalsozialistischen Kette zu dienen.

Oftmals verschwammen die familiären und staatlichen Einflüsse: beim interfamiliären, gemeinsamen Hören der Rundfunk-Propaganda, dem Besuch von Paraden und Aufmärschen, dem Hitler-Bild im Wohnzimmer, der Hakenkreuzfahne im Fenster – kurz: der „Treue zum Führer“.

Die aufkommenden Konflikte hatten dabei unterschiedlichen Charakter: die familiäre Autorität wurde untergraben (Führerprinzip – Jugend führt Jugend), Unterwanderung der christlichen Werte, zu hohe körperliche Beanspruchung der Jugend, usw. Dabei kam es teils sogar zu extremen Konflikten zw. Kindern und Eltern. Einer traute dem anderen nicht mehr – die Eltern hatten vor den Kindern Angst und umgekehrt. Kinder zeigten Ihre Eltern an, diese kamen ins KZ und wußten nicht warum.

BDM-Mädel denunziert ihre Eltern:

„Sperr erzählte, daß kürzlich bei einem Bekannten einige Leute versammelt gewesen seien und sich kritisch unterhalten hätten. Plötzlicher Anruf der Gestapo: Man warne vor Fortsetzung dieses Gesprächs. Ursprung dieses Anrufs: die eigene Tochter (BDM). Sie hat an der Tür gelauscht und die Gestapo telefonisch unterrichtet.“ *

Es kam zu einem Generationskonflikt: die halbwüchsigen Hitlerjungen sahen sich als Mitglied einer anderen Ordnung, die auch über der Familie stand und ihnen Macht gab, sich als Männer aufzuspielen. Laut Bericht der Exil-SPD soll z.B. der Sohn eines SPD-Funktionärs den Bücherschrank seines Vaters durchsucht haben, weil er den Auftrag bekam, „marxistische Hetzschriften“ zu ermitteln. **

* Ulrich v. Hassell: Vom anderen Deutschland. Aus den nachgelassenen Tagebüchern 1938-1944. 3. Auflage Zürich und Freiburg i. Br. 1946, S. 108.

** Vgl. Boberach, H., Jugend unter Hitler, Düsseldorf 1990, S. 68.

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